HaltungReflexion

Gut geschnitten, aber selbst frisiert wäre es besser gewesen

2. Oktober 2026 · 4 Min. Lesezeit

Wenn ich vom Friseur komme, passiert mir das öfter, als mir gut tut. Ich stehe vor dem Spiegel, der Schnitt sitzt, alles ist ordentlich, und trotzdem denke ich: frisieren kann ich besser. Das ist ein komischer Gedanke, weil ich ja gerade dafür bezahlt habe, dass es jemand anderes macht. Seitdem frage ich mich, ob ich hier einfach zu anspruchsvoll bin, oder ob an dem Gedanken doch was dran ist.

Der Moment vor dem Spiegel

Ich gehe eigentlich immer zum gleichen Barbershop. Trotzdem wechseln die Leute dort manchmal, und je nachdem, wer mich bedient hat, gefällt mir das Ergebnis unterschiedlich gut. Der Schnitt selbst ist fast immer solide. Was variiert, ist das Föhnen danach, wie die Haare gelegt werden, wie viel Zeit sich jemand für den letzten Schritt nimmt. Genau da merke ich den Unterschied am stärksten, nicht beim Schneiden selbst.

Ich will damit niemanden schlechtmachen. Die Leute dort machen einen guten Job, für kleines Geld, und ich komme ja immer wieder. Aber dieser Reflex, im Kopf schon die letzten paar Handgriffe selbst zu übernehmen, der ist bei mir ziemlich hartnäckig.

Woher dieser Blick eigentlich kommt

Ich glaube, das hat wenig mit Haaren zu tun und viel mit meinem Beruf. Als Creative Director bei bipulse.studio schaue ich seit 2001 auf Details, die andere Leute gar nicht als Details wahrnehmen. Ein Abstand, der zwei Pixel zu groß ist. Ein Farbton, der eine Nuance danebenliegt. Das trainiert man sich an, irgendwann läuft es nebenbei mit, auch außerhalb der Arbeit.

Beim Friseur ist es dasselbe Muster in kleinerem Maßstab. Ich sehe das fertige Ergebnis und zerlege es sofort in die einzelnen Schritte, die dazu geführt haben. Und weil ich weiß, wie ich selbst frisiere, wenn ich morgens vor dem Spiegel stehe, vergleiche ich automatisch. Das ist unfair dem Friseur gegenüber, weil er ja unter ganz anderen Bedingungen arbeitet, mit fremden Haaren, in zwanzig Minuten, während ich mir zu Hause Zeit für genau eine Frisur nehme, meine eigene.

Wo ich das aus dem Studio wiedererkenne

Dieses Muster kenne ich aus meiner Arbeit zu gut. Ich habe mal in Preis ist ein Label. Wert ist relativ. darüber geschrieben, wie viel von meinem eigenen Anspruch in jedem Projekt steckt, unabhängig vom Preis. Genauso ist es beim Feedback, das ich von Kunden oder Studierenden zu einem Entwurf bekomme. Wenn jemand ein Design zeigt und ich sofort sehe, wo ich anders angesetzt hätte, muss ich mich bremsen, das nicht als Kritik am Menschen zu formulieren, sondern als eine von mehreren möglichen Lösungen.

An der Zuyd Hogeschool passiert mir das ständig. Studierende zeigen mir Zwischenstände, und mein erster Impuls ist oft, im Kopf schon selbst weiterzuarbeiten, statt erst mal zu fragen, was sie eigentlich vorhatten. Das ist derselbe Reflex wie beim Friseur. Ich sehe ein Ergebnis, vergleiche es mit meiner eigenen Vorstellung, und die Vorstellung gewinnt fast automatisch, einfach weil sie meine ist.

Ich glaube, deshalb fällt es mir auch so schwer, fertige Projekte einfach so stehen zu lassen. In Warum ich meine eigenen Projekte nicht zeige habe ich schon beschrieben, wie mein Perfektionismus mich davon abhält, Dinge zu veröffentlichen, bevor sie aus meiner Sicht rund sind. Beim Friseur ist es eine harmlosere Version desselben Problems. Ich kann es nicht einfach hinnehmen, dass etwas gut genug ist, wenn ich mir vorstelle, wie es noch besser gehen würde.

Bin ich zu anspruchsvoll?

Ehrlich gesagt, ja, wahrscheinlich bin ich das. Der Barbershop macht seinen Job gut, die Preise sind fair, und ich gehe ja aus einem Grund immer wieder hin. Wenn ich trotzdem vor dem Spiegel denke, das hätte ich besser gemacht, sagt das mehr über meinen eigenen Blick als über die Arbeit der Friseure.

Das Problem an so einem Anspruch ist, dass er selten an der richtigen Stelle aufhört. Er springt einfach von der Arbeit ins Private und zurück, ohne dass ich das steuern könnte. Beim Friseur ist das harmlos, im schlimmsten Fall frisiere ich zu Hause noch mal nach. Bei einem Kundenprojekt oder einer Bewertung an der Hochschule ist dieselbe Haltung schon riskanter, weil sie schnell so klingt, als wäre nur meine Version die richtige.

Was mir dabei hilft, ist die Erinnerung daran, unter welchen Bedingungen andere arbeiten. Der Friseur hat zwanzig Minuten und fremde Haare. Studierende haben ein Semester und eine Aufgabe, die ich selbst gestellt habe, aber nicht mit meiner Erfahrung im Kopf lösen müssen. Wenn ich das mitdenke, wird aus dem Vergleich, der immer zu meinen Gunsten ausgeht, eher eine Einschätzung, was unter den jeweiligen Bedingungen machbar war.

Ganz los werde ich diesen ersten Impuls trotzdem nicht. Ich werde wahrscheinlich weiterhin vom Friseur kommen und im Kopf schon die letzten paar Handgriffe selbst übernehmen. Aber inzwischen weiß ich wenigstens, dass das mein Problem ist und nicht das des Friseurs.