HaltungReflexion

Gefährlicher Positivismus, gibt es den überhaupt bei mir

10. Oktober 2026 · 4 Min. Lesezeit

Ich habe mich selbst mal gefragt, ob es so etwas wie gefährlichen Positivismus gibt. Ob meine Art, Dinge ins Positive zu drehen, nicht manchmal auch schadet, statt zu helfen. Die meisten Leute kennen mich als freundlich und fröhlich, und ich versuche eigentlich in allem das Gute zu sehen. Ich bin an die Frage rangegangen und wollte ehrlich hinschauen, ob ich mir damit selbst etwas vormache. Das Ergebnis hat mich überrascht, und zwar nicht so, wie ich erwartet hatte.

Der Drängler im Straßenverkehr

Ein Beispiel, das mir sofort einfällt, wenn ich über Positivismus nachdenke, ist ganz banal. Wenn beim Autofahren jemand drängelt, rege ich mich nicht auf. Ich denke mir eher: Ach, der hat bestimmt gerade etwas Wichtiges vor, einen Grund, den ich nicht kenne. Das ist keine große Lebensweisheit, das ist einfach meine erste Reaktion geworden, über die Jahre.

Man könnte jetzt sagen, das ist naiv. Vielleicht drängelt der Typ einfach, weil er ein Idiot ist, und ich mache ihm mit meiner netten Interpretation nur einen Gefallen, den er nicht verdient hat. Könnte sein. Aber ich merke, dass mir diese Haltung selbst mehr bringt als dem Drängler. Ich komme entspannter an, statt mich über etwas aufzuregen, das ich eh nicht ändern kann. Insofern ist das für mich erstmal kein gefährlicher Positivismus, sondern eher eine Art, mir selbst das Leben leichter zu machen.

Woher die Dankbarkeit kommt

Es sind einige Dinge in meinem Leben passiert, die mich dazu gebracht haben, das Leben als positiv anzunehmen und die guten Dinge zu sehen, dankbar zu sein. Ich will die hier nicht alle ausbreiten, das würde auch gar nicht zu diesem Artikel passen. Aber ich merke, dass diese Haltung nicht aus dem Nichts kommt. Sie ist auch eine Reaktion auf Dinge, die anders hätten laufen können.

Und genau deshalb tue ich mich schwer damit, diese Dankbarkeit als etwas Schlechtes zu sehen. Dankbar zu sein, kann doch nichts Schlechtes sein, oder? Ich finde auch nicht, dass man das pauschal als Beschönigung abtun sollte, nur weil es gerade in Mode gekommen ist, Positivität mit Verdrängung gleichzusetzen. Bei mir ist es eher umgekehrt: Je mehr ich weiß, was auch schlecht hätte laufen können, desto bewusster will ich das Gute sehen, das tatsächlich da ist.

Ist das Beschönigung?

Die eigentliche Frage, die mich bei dem Thema gefährlicher Positivismus interessiert hat, war: Erwische ich mich dabei, echte Probleme kleinzureden? Gehe ich zu schnell über Bedenken hinweg, nur weil ich lieber die positive Seite sehen will? Ich habe ehrlich darüber nachgedacht, und ich muss sagen: eigentlich nicht.

Ich gebe meine gute Laune auch sehr gerne weiter. Wenn ich morgens aufwache, habe ich keine schlechten Gedanken. Das klingt fast zu glatt, um wahr zu sein, aber genau so ist es bei mir. Vielleicht ist das auch ein Grund, warum mir in diesem Artikel die großen Gegenbeispiele fehlen, die man erwarten würde, wenn man über die Schattenseite von Optimismus schreibt. Ich habe nach ihnen gesucht und bin nicht wirklich fündig geworden. Das ist kein Beweis, dass es sie nicht gibt, es ist eher ein Hinweis darauf, dass ich sie bei mir selbst bisher nicht als Problem erlebt habe.

Das unterscheidet sich übrigens von der Art, wie ich mich sonst selbst hinterfrage. In Scanner oder ADHS? Die Grenze verschwimmt habe ich beschrieben, wie ich bei anderen Themen durchaus unsicher bin, ob ein bestimmtes Muster bei mir gut oder problematisch ist. Bei der Dankbarkeit und der positiven Grundhaltung ist diese Unsicherheit bei mir überraschend klein.

Wo würde Positivität kippen

Trotzdem will ich die Frage nicht einfach wegwischen, nur weil ich bei mir selbst kein akutes Problem finde. Theoretisch kann ich mir schon vorstellen, wo gefährlicher Positivismus anfängt. Wenn man jemandem, der gerade ein echtes Problem hat, vorschnell sagt, das wird schon, ohne hinzuhören. Wenn Positivität zur Ausrede wird, sich mit etwas Unangenehmem nicht mehr auseinandersetzen zu müssen. Das kann ich mir gut vorstellen, nur eben nicht als etwas, das ich bei mir selbst konkret beobachtet habe.

Als Dozent an der Kunstakademie in Maastricht und als Creative Director bei bipulse.studio gebe ich oft Feedback, auch kritisches. Da achte ich schon darauf, dass meine positive Grundhaltung nicht dazu führt, dass ein echtes Problem im Projekt unter einer netten Formulierung verschwindet. Aber das ist für mich eher eine Frage der Klarheit in der Kommunikation als ein Problem meiner Grundeinstellung. Ich kann freundlich sein und trotzdem sagen, dass etwas nicht funktioniert. Das eine schließt das andere nicht aus.

Mehr Herz als Hirn zu zeigen, das ist für mich auch kein Widerspruch zu klarem Denken. In Mehr Herz, weniger Hirn geht es um eine ähnliche Abwägung, nur aus einem anderen Blickwinkel. Vielleicht ist das am Ende meine ehrlichste Antwort auf die Frage nach gefährlichem Positivismus: Ich sehe die Gefahr theoretisch, ich kann sie mir bei anderen vorstellen, aber ich finde bei mir selbst gerade kein Beispiel, das sie belegt. Das kann sich ändern. Für den Moment bleibe ich lieber dankbar, als mir eine Gefahr einzureden, die ich bisher nicht erlebt habe.