ReflexionStudium

Was meine Studierenden mir beibringen.

26. April 2026 · 1 Min. Lesezeit

Von Studierenden lernen — diese Frage stelle ich mir öfter. Was nehme ich in 22 Jahren Lehre eigentlich mit?

Mehr, als ich zugeben möchte.

Sie haben neue Ideen. Freche Ansätze. Manchmal einen besseren Blick auf Projekte als ich nach 22 Jahren Lehren.

Von Studierenden lernen: der Blick von außen

Besonders die Master Class Scientific Illustration ist anders. Studenten aus aller Welt. Biologen, Geologen, Chemiker, Ingenieure. Sie lernen im Unterricht, ihre komplexen Gedanken zu visualisieren — mit Photoshop, Cinema 4D, allen Tools die helfen.

Aber hier ist das Ding: Ich verstehe oft kein Wort von ihren Fachgebieten.

Ein Student erklärt mir Quantenphysik. Eine andere zeigt mir Meeresströmungen. Der nächste bringt mir Molekularstrukturen bei. Ich sitze da und denke: „Keine Ahnung wovon du redest.“


Trotzdem muss ich ihnen helfen, diese Konzepte visuell zu übersetzen. Das zwingt mich, Fragen zu stellen. Die richtigen Fragen.

„Warum ist das wichtig?“
„Was soll der Betrachter als erstes sehen?“
„Wo liegt der Kern der Sache?“

Und plötzlich lerne ich mehr über Wissenschaft, als ich je wollte.

Der Rollentausch

Manchmal wird aus dem Lehrer ein Schüler. Das passiert öfter, als man denkt. Ein Student zeigt mir eine neue Technik in Cinema 4D. Eine andere erklärt mir einen Workflow, den ich noch nicht kannte.

Ich könnte so tun, als wüsste ich alles. Aber das wäre dumm.

Stattdessen sage ich: „Zeig mir das nochmal.“ Oder: „Das kannte ich noch nicht.“

Das macht mich nicht schwächer als Dozent. Es macht mich ehrlicher.


Am Ende ist es ein Tausch. Ich bringe ihnen bei, wie man Ideen sichtbar macht. Sie bringen mir bei, was diese Ideen bedeuten.

Beide Seiten lernen. Beide werden reicher.

Und vielleicht ist das der beste Unterricht — wenn keiner mehr weiß, wer gerade wen unterrichtet.