HaltungReflexion

Warum ich aufgehört habe, die Zukunft vorherzusagen

7. Oktober 2026 · 4 Min. Lesezeit

Ich habe neulich auf TikTok ein Video von Annie Lennox gesehen. Es hat mich berührt, ehrlich gesagt auch ziemlich getroffen, weil ich gut nachvollziehen konnte, was sie sagt. Nicht, dass es mir direkt Angst macht. Aber es bringt mich zum Nachdenken, und zwar über etwas, das mich beruflich und privat seit einer Weile beschäftigt: das Tempo des Wandels, mit dem sich gerade alles um uns herum verändert.

Die Zukunft war schon immer ungewiss, oder?

Das ist der Satz, der bei mir hängen geblieben ist. Die Zukunft war schon immer ungewiss. Niemand wusste vor hundert Jahren genau, wie die Welt in fünfzig Jahren aussehen würde. Das ist nichts Neues. Was sich für mich aber verändert hat, ist der Zeithorizont, über den diese Ungewissheit greift.

Früher hat man versucht, weit in die Zukunft zu schauen. Zehn Jahre, zwanzig Jahre, eine Generation. Man wusste, dass man sich irrt, aber man hatte zumindest das Gefühl, grobe Linien erkennen zu können. Heute reicht der Horizont kaum noch bis zum nächsten Jahr. Ich tue mich schon schwer, vorherzusagen, wie mein eigener Arbeitsalltag in sechs Monaten aussieht, weil sich Tools, mit denen ich täglich arbeite, in genau diesem Zeitraum komplett verändern können.

Das ist der Unterschied, der mich an dem Video hängen geblieben ist. Früher ging die Unsicherheit um die ferne Zukunft. Heute verwischt sich schon die nahe.

Wie sich das Tempo des Wandels in meiner eigenen Arbeit zeigt

Ich merke das sehr konkret im Studio. Vor zwei Jahren hätte ich nicht gedacht, dass KI-generierte Videos mal so gut werden, dass sie bei Kunden tatsächlich eingesetzt werden können. Ich habe darüber in KI-generierte Videos, die nicht generisch aussehen geschrieben. Das Tempo, mit dem sich diese Tools weiterentwickelt haben, war schneller, als ich es für möglich gehalten hätte. Und das ist kein Einzelfall, das ist inzwischen die Regel.

Mein Briefing-Prozess hat sich dadurch verändert, mein Umgang mit Claude und ChatGPT sowieso, das beschreibe ich in Prompt Design ist das neue Briefing. Mich beschäftigt dabei weniger die Technik selbst als das Gefühl, kaum an einen Workflow gewöhnt zu sein, bevor schon die nächste Version eines Tools alles wieder verschiebt. Das Tempo des Wandels lässt mir kaum Zeit, mich in einem Zustand auszuruhen. Kaum habe ich verstanden, wie etwas funktioniert, funktioniert es schon wieder anders.

Das klingt anstrengend, und manchmal ist es das auch. Aber ich will nicht so tun, als würde mich das nur belasten. Es macht mir auch Spaß, mich ständig neu einzuarbeiten. Nur die Vorhersagbarkeit, die fehlt mir dabei manchmal. Früher konnte ich grob planen, wie ein Projekt in einem Jahr aussieht. Heute plane ich eher in Wochen.

Was ich als Dozent an der Zuyd Hogeschool davon mitbekomme

Bei meinen Studierenden sehe ich eine andere Seite davon. Die Generation, die ich unterrichte, ist mit diesem Tempo groß geworden. Für sie ist es normal, dass sich Tools und Plattformen laufend ändern. Ich habe in Was meine Studierenden mir beibringen schon beschrieben, wie anders sie an Arbeit und Technologie herangehen als ich.

Was mich dabei überrascht: Sie wirken dadurch nicht unbedingt beunruhigter als ich. Eher gelassener. Vielleicht, weil sie nie eine Welt kannten, in der man die Zukunft noch zuverlässig planen konnte. Für mich ist das Tempo des Wandels eine Umstellung, für sie ist es der Normalzustand. Das macht mich manchmal neidisch, ehrlich gesagt. Ich habe noch die Erfahrung im Kopf, wie es war, als man ein Tool mal ein paar Jahre lang benutzen konnte, ohne dass sich an den Grundfunktionen viel änderte. Diese Erfahrung fehlt meinen Studierenden komplett. Deshalb gehen sie vermutlich lockerer mit Unsicherheit um als ich.

Was das Video bei mir ausgelöst hat

Zurück zu Annie Lennox (Video-Link: https://vm.tiktok.com/ZGdCjDoaa/) Was mich an dem Video berührt hat, war nicht die Angst, sondern die Ehrlichkeit. Ich glaube, das ist der Punkt, an dem ich selbst auch stehe. Ich habe keine Angst vor dem Tempo des Wandels, aber ich gebe auch nicht vor, dass ich genau weiß, wohin das führt. Das wäre gelogen.

Was ich aus so einem Moment mitnehme, ist eher eine Art Demut gegenüber Vorhersagen. Ich habe aufgehört, mir selbst oder anderen zu erzählen, wie mein Beruf in fünf Jahren aussieht. Stattdessen schaue ich eher darauf, wie ich mit dem umgehe, was gerade vor mir liegt. Das passt auch zu dem, was ich in Qualität vor Wachstum geschrieben habe: lieber bewusst bei dem bleiben, was ich gerade gut mache, als ständig zu versuchen, der Entwicklung einen Schritt voraus zu sein.

Ob das die richtige Haltung ist, weiß ich nicht. Aber es fühlt sich ehrlicher an, als so zu tun, als hätte ich einen Plan für die nächsten zehn Jahre. Den hat gerade, glaub ich, niemand mehr.