Irgendwann hört er auf zu fragen.
Es fing mit Kleinigkeiten an — der Beginn eines Burnouts in der Selbstständigkeit.
Müdigkeit, die nach dem Wochenende nicht wegging. Luftnot bei Dingen, die früher keine Anstrengung waren. Das Gefühl, funktionieren zu müssen — und es auch zu tun, aber irgendwie auf Reserve. Ich habe es registriert. Und weitergemacht.
Das ist der eigentliche Fehler. Nicht der Stress. Nicht die langen Nächte. Sondern das Weiterdenken, Weitermachen, Weiterfunktionieren — obwohl der Körper längst eine andere Sprache gesprochen hat.
Irgendwann hat er aufgehört zu fragen.
Ich rede nicht gerne darüber. Aber ich rede darüber, weil ich weiß, dass es viele gibt, die gerade genau dort stehen. Die funktionieren. Die Projekte liefern. Die nach außen hin alles im Griff haben — und innerlich auf Reserve laufen.
Kreative Selbstständigkeit hat eine besondere Qualität, was das angeht. Es gibt keine klare Grenze zwischen Arbeit und Freizeit. Das ist einer der großen Vorteile. Und gleichzeitig die gefährlichste Falle. Wer seine Arbeit liebt, merkt oft nicht, wann es zu viel wird — weil es sich ja nicht falsch anfühlt. Es fühlt sich engagiert an. Leidenschaftlich. Produktiv.
Bis es das nicht mehr tut.
Was sich verändert hat
Was sich danach verändert hat: vieles. Nachtarbeit ist die Ausnahme geworden, nicht die Regel. Schlaf ist kein Luxus mehr. Wochenenden gehören dem Ausgleich — Crossgolf, Spaziergänge, gestalterische Projekte zuhause. Dinge, bei denen ich nicht liefern muss. Dinge, die einfach da sind.
Das klingt simpel. Es ist simpel. Und trotzdem hat es eine Weile gedauert, bis ich verstanden habe, dass das kein Rückzug ist — sondern Voraussetzung.
Was ich jemandem sagen würde, der gerade dort steht:
Hör auf deinen Körper. Nicht morgen, nicht wenn das Projekt fertig ist — jetzt. Er sagt dir schon länger was er denkt. Müdigkeit, Reizbarkeit, das diffuse Gefühl dass irgendetwas nicht stimmt — das sind keine Schwächen. Das sind Informationen.
Such das Gespräch. Mit einem Psychologen, wenn es soweit ist. Viele warten zu lange damit, weil es sich nach Kapitulation anfühlt. Es ist keine Kapitulation. Es ist das Vernünftigste, was man tun kann.
Und tausch dich aus — mit Menschen aus der gleichen Branche, die die gleichen Nächte kennen, die gleichen Kunden, den gleichen Druck. Du wirst merken: die Probleme sind bei den meisten genau die gleichen. Das macht sie nicht kleiner. Aber es macht sie weniger einsam.
Was Achtsamkeit wirklich bedeutet
Achtsamkeit ist ein Wort, das ich früher nicht mochte. Es klang nach Yoga-Retreats und Atemübungen, die ich nicht brauche.
Inzwischen verstehe ich es anders. Achtsamkeit bedeutet für mich: merken was ist. Nicht optimieren, nicht analysieren — nur merken. Wie geht es mir heute? Was brauche ich gerade? Wann habe ich zuletzt etwas gemacht, das mir Energie gibt statt nimmt?
Kleine Fragen. Keine großen Antworten. Aber ein Anfang.
Was danach kommt — und wie Veränderung aussehen kann — beschreibe ich in Embrace the change. Für alle, die professionelle Unterstützung suchen: Die Deutsche Depressionshilfe bietet Anlaufstellen und erste Orientierung.