AlltagReflexion

KI und ADHS: Mehr Parallelität, aber auch mehr Chaos

12. Oktober 2026 · 4 Min. Lesezeit

KI und ADHS, diese Kombination lässt mich gerade nicht los. Ich kann plötzlich mehrere Projekte gleichzeitig laufen lassen, die früher brav nacheinander drankamen. Ist das ein Geschenk, weil ich endlich so arbeiten kann, wie mein Kopf sowieso schon tickt? Oder rutsche ich genau dadurch in eine Art von Chaos, die ich vorher gar nicht kannte?

Ich habe darüber schon in Hab ich ADHS? und in Scanner oder ADHS? Die Grenze verschwimmt nachgedacht, aber beide Texte sind vor der Zeit entstanden, in der ich so selbstverständlich mehrere KI-Chats gleichzeitig offen hatte. Das ist jetzt der Unterschied, mit dem ich mich gerade auseinandersetze.

Was KI und ADHS gerade miteinander machen

Ich muss zugeben: Die KI hilft mir im Alltag und bei meinen Projekten immer öfter, und zwar auf eine Art, die mir manchmal selbst komisch vorkommt. Aufgaben, für die ich sonst einen Terminplan gebraucht hätte, laufen auf einmal gleichzeitig. Früher musste ich warten, bis eine Recherche fertig war, bevor ich mit dem nächsten Schritt anfangen konnte. Jetzt läuft die Recherche in einem Fenster, während ich in einem anderen schon am Text weiterarbeite, und in einem dritten klärt sich gerade etwas ganz anderes von selbst.

Das klingt erstmal nach genau der Art von Arbeiten, die mir liegt. Ich habe nie nur einen Job gleichzeitig gemacht, das beschreibe ich auch in Warum ich nie nur einen Job hatte. Mehrgleisig zu denken ist bei mir keine neue Eigenschaft, die durch KI entstanden ist. Die KI hat eher einen Hebel angesetzt, der schon da war, und ihn kräftig verlängert.

Wenn Parallelität in Chaos kippt

Aber manchmal laufen einfach zu viele Sachen gleichzeitig. Dann weiß ich selbst nicht mehr, in welchem Chatfenster ich zuerst nachschauen muss, ob eine Aufgabe eigentlich schon erledigt ist. Das ist der Punkt, an dem ich merke: Mehr Parallelität ist bei mir nicht automatisch mehr Produktivität.

Ich brauche inzwischen eine Art Übersichtsplan über meine verschiedenen Chat-Aufgaben, egal ob ich mit ChatGPT oder mit Claude arbeite. Über Claude.ai habe ich ja schon geschrieben, wie sehr mir das Tool im Alltag hilft. Weil diese Tools bei mir sowieso parallel laufen, verliere ich leicht den Überblick, selbst wenn ich alles halbwegs sauber in Projekten organisiert habe. Mappen, Projektnamen, sortierte Chats, hilft alles nur bedingt. Irgendwann sitze ich trotzdem da und frage mich, was eigentlich der aktuelle Stand in Fenster vier war.

Das ist für mich die eigentliche Überraschung bei dem Thema KI und ADHS. Ich hatte erwartet, dass mehr Parallelität einfach mehr Freiheit bedeutet. Stattdessen entsteht ein Organisationsaufwand, den ich vorher so nicht kannte, weil es vorher gar nicht so viele gleichzeitige Stränge gab, die ich hätte organisieren müssen.

Alter Reflex oder neue Arbeitsweise?

Ich frage mich, ob ich hier eigentlich den gleichen alten Reflex bediene, den ich schon immer hatte, oder ob gerade etwas Neues entsteht. Multitasking war bei mir nie ein Trick, den ich mir antrainiert habe. Es war eher die Art, wie mein Kopf von selbst funktioniert hat, schon lange bevor es KI-Tools gab, die mir dabei assistieren konnten.

Der Unterschied jetzt ist, dass die KI meine Neigung zur Parallelität nicht bremst, sondern bedient. Früher musste ich meine fünf Gedanken nacheinander abarbeiten, weil ich nur zwei Hände und einen Bildschirm hatte. Jetzt kann ich tatsächlich fünf Chats parallel offen haben, die alle gleichzeitig an etwas arbeiten. Das fühlt sich erstmal wie eine Erlaubnis an, so zu arbeiten, wie ich es sowieso immer wollte.

Aber genau das macht mich auch vorsichtig. Wenn eine Eigenschaft, die mir manchmal auch Probleme gemacht hat, plötzlich durch ein Tool verstärkt wird, sollte ich mir genau anschauen, ob das wirklich hilft, oder ob es mich nur schneller in dieselbe Unübersichtlichkeit bringt, die ich vorher schon kannte, nur jetzt mit mehr Tempo.

Wo ich gerade stehe

Ich glaube, bei KI und ADHS gibt es bei mir keine einfache Antwort. Die Parallelität, die mir die KI ermöglicht, passt gut zu der Art, wie mein Kopf arbeitet. Das ist ein echter Vorteil für mich, gerade weil ich sonst viel Energie darauf verwenden musste, meine Gedanken künstlich in eine Reihenfolge zu zwingen. Gleichzeitig merke ich, dass ich diesen Vorteil nicht unbegrenzt ausreizen kann, ohne selbst den Überblick zu verlieren.

Ich habe in Qualität vor Wachstum schon beschrieben, dass mehr nicht automatisch besser ist, auch wenn es sich im Moment manchmal so anfühlt. Bei den parallelen Chat-Fenstern ist es genauso. Drei Aufgaben gleichzeitig laufen zu lassen fühlt sich produktiv an. Aber wenn ich am Ende des Tages nicht mehr weiß, welches Fenster was für mich erledigt hat, habe ich eigentlich nichts gewonnen, außer dem Gefühl, viel gemacht zu haben.

Ich versuche gerade, mir eine Art Übersicht anzugewöhnen, bevor ich das nächste Fenster aufmache. Die Parallelität an sich will ich nicht loswerden, die mag ich nach wie vor. Nur merke ich, dass sie ohne irgendeine Struktur schneller in Stress kippt, als mir lieb ist. Ob mir das mit der Übersicht am Ende wirklich gelingt, weiß ich ehrlich gesagt noch nicht.