HaltungReflexion

Wenn mir etwas fehlt, baue ich es einfach

7. Oktober 2026 · 4 Min. Lesezeit

Wenn mir etwas fehlt, kaufe ich es nicht automatisch. Ich baue es. Eine App, ein Möbelstück, ein Bauteil fürs Auto, was auch immer gerade fehlt. Dinge selbst bauen ist bei mir kein Hobby-Projekt am Wochenende, sondern eher eine Grundhaltung geworden. Und dabei lerne ich jedes Mal etwas, das ich vorher nicht konnte.

Warum ich Dinge selbst baue, statt sie zu kaufen

Der naheliegende Weg wäre, nach einer fertigen Lösung zu suchen. Gibt es eine App dafür? Gibt es ein Produkt, das genau das macht, was ich brauche? Meistens ja, aber selten genau so, wie ich es mir vorstelle. Dann fehlt eine Funktion, oder zwei Apps machen fast dasselbe, aber keine davon das Ganze. An dem Punkt fange ich an zu bauen, statt weiterzusuchen.

Das hat auch mit meiner Arbeit als Creative Director zu tun. Im Studio löse ich seit über zwanzig Jahren Probleme, für die es keine Schablone gibt. Warum sollte das bei meinen eigenen Problemen anders sein? Der Unterschied ist nur: Bei bipulse.studio arbeite ich mit einem Team. Wenn ich privat etwas baue, bin ich allein mit der KI und meinem eigenen Ehrgeiz, mir dabei neue Skills anzueignen.

Die App, die drei Apps ersetzt

Ein konkretes Beispiel: Ich habe Diabetes und brauche für meinen Diabetologen eine vernünftige Dokumentation meiner Werte. Es gibt dafür Apps, aber keine, die alles abdeckt, was ich brauche. Also habe ich drei verschiedene Apps zusammengebracht, um daraus eine Auswertung zu bauen, die für meinen Arzt tatsächlich brauchbar ist.

Das klingt nach einer kleinen Sache, war es aber nicht. Ich musste verstehen, wie die einzelnen Apps ihre Daten exportieren, wie ich diese Daten zusammenführe, und wie am Ende eine Auswertung dabei rauskommt, die mein Diabetologe auch wirklich lesen kann. Das ist etwas anderes als ein Promo-Video für einen Kunden zu generieren. Hier ging es um meine eigenen Gesundheitsdaten, und das Ergebnis musste stimmen, nicht nur gut aussehen.

Am Ende hatte ich eine Lösung, mit der ich zufrieden bin. Mein Diabetologe bekommt jetzt eine Auswertung, die er tatsächlich nutzen kann, und ich musste dafür keine dritte App abonnieren, die wieder nur die Hälfte kann. Das ist für mich das eigentliche Ergebnis von Dinge selbst bauen: nicht die Technik an sich, sondern dass am Ende etwas entsteht, das genau zu meinem Problem passt.

Ein Getränkehalter aus dem 3D-Drucker

Das zweite Beispiel ist viel banaler, und genau deshalb mag ich es. In meinem Auto gibt es nur einen einzelnen Getränkehalter. Wenn ich mit meinem Beifahrer unterwegs bin, hat der also keinen Platz für sein Getränk. Ein Problem, das vermutlich tausend andere Autofahrer auch haben, aber kein Problem, für das ich extra ins Autohaus fahren wollte.

Also habe ich meine KI benutzt, um mir einen Adapter konstruieren zu lassen, der genau in diese Lücke passt und eine zweite Getränkehalterfunktion schafft. Danach habe ich das Teil auf meinem 3D-Drucker gedruckt. Keine große Sache, aber genau das macht es für mich interessant. Ich hatte vorher noch nie etwas konstruiert, das anschließend als physisches Objekt aus einem Drucker kommt. Von der Idee bis zum fertigen Teil in der Hand, das ist ein anderes Gefühl als ein digitales Ergebnis auf einem Bildschirm.

Beide Beispiele, die App und der Getränkehalter, haben eigentlich nichts miteinander zu tun. Das eine ist Gesundheitsdaten, das andere ein Stück Plastik fürs Auto. Was sie verbindet, ist nur die gleiche Grundidee: Wenn mir etwas fehlt, probiere ich erst, es selbst zu lösen, bevor ich nach einem fertigen Produkt suche.

Was ich dabei über mich lerne

Bei beiden Projekten war ich am Ende zufrieden mit dem, was dabei rauskam. Das ist bei mir inzwischen eher die Regel als die Ausnahme, und genau das macht mich manchmal auch vorsichtig. Wenn fast alles klappt, lerne ich weniger aus Fehlern als aus dem, was zwischendrin schiefläuft. Bei der Diabetes-App war das zum Beispiel der Moment, in dem ich gemerkt habe, dass die drei Apps ihre Daten in völlig unterschiedlichen Formaten exportieren. Da musste ich umdenken und einen anderen Weg finden, statt stur beim ursprünglichen Plan zu bleiben.

Das ist vermutlich der eigentliche Gewinn an Dinge selbst bauen. Nicht nur das fertige Ergebnis, sondern die Umwege dahin. Jedes Mal, wenn ich ein neues Problem löse, erweitere ich meine Skills ein Stück. Bei der App ging es um Datenformate und Auswertungslogik, beim Getränkehalter um Konstruktion und 3D-Druck. Beides hatte ich vorher nicht gemacht, und beides kann ich jetzt ein bisschen besser.

Darin steckt auch etwas, das ich aus meiner Arbeit mit Studierenden an der Zuyd Hogeschool kenne. Wer nur fertige Lösungen konsumiert, lernt wenig über das Problem selbst. Wer versucht, es zu bauen, versteht es irgendwann von innen. Darüber habe ich auch schon in Connecting dots geschrieben, dieses Zusammenbringen von Dingen, die eigentlich nicht zusammengehören, ist bei mir fast eine Methode geworden.

Wo ich noch Grenzen merke

Ganz ohne Reibung geht das trotzdem nicht. Bei der App musste ich mich in Themen einarbeiten, die eigentlich nicht mein Fachgebiet sind, Datenexporte, Formate, Schnittstellen. Das kostet Zeit, die ich auch anders hätte nutzen können. Und beim Getränkehalter war der erste Entwurf zu groß für die Halterung im Auto, ich musste nachbessern, bevor das Teil überhaupt reingepasst hat.

Trotzdem würde ich es wieder genauso machen. Lieber zweimal drucken und dabei etwas über Toleranzen lernen, als ein fertiges Produkt zu kaufen, das eh nicht genau passt. Das ist kein Prinzip, das ich jedem empfehlen würde. Aber bei mir hat sich das über die Jahre so eingeschliffen, und ich merke, wie sehr mir dieser Ansatz auch in meiner eigentlichen Arbeit hilft. Wer gewohnt ist, selbst zu bauen, hat beim nächsten Kundenprojekt weniger Scheu vor der Frage, ob eine Lösung überhaupt existiert. Man probiert es einfach aus.